Ich muss um die Geschichte hier richtig zu beginnen ein wenig ausholen. Im Januar diesen Jahres war ich (Judith) auf einem Familientreffen, dort wurde ich nach ein wenig Smalltalk über Gott und die Welt plötzlich gefragt, ob ich denn einen guten Umsatz machen würden. Hä? Umsatz? Kinder verkaufen als Nebenjob einer Erzieherin? Ich war verwirrt... es wurde dann expliziter nachgefragt; Ja, wieviele Quilts ich im Monat so herstellen würde und wieviel ich damit verdienen würde.
Mein Verwandter schien allen Ernstes zu denken, dass ich meine Quilts für den Verkauf produziere, dass es lediglich ein wundervolles, erfüllendes Hobby mit möglicherweise, in seinen Augen und denen vieler unwissender, teuren Materialien ist- für ihn absolut nicht nachvollziehbar.
Bevor ich ihm versuchte transparent zu machen, was so ein handgearbeiteter Quilt kosten würde, habe ich natürlich die Frage aller Fragen zuerste gestellt: "Was würdest du denn für so einen Quilt ausgeben?" - schnell wurde daraufhin zurückgerudert, dass er ja keine Vorstellung habe, wo man da anfangen sollte zu schätzen.
Nun ja, die Frage nach dem Preis eines Quilts wurde uns bei unser Ausstellung im Oberlandesgericht in Köln im Rahmen des offenen Denkmals ebenfalls recht häufig gestellt. Nannten wir daraufhin mal einen Preis lächelten die entsprechenden Personen nett, nickten, lobten die Arbeit und gingen weiter.
Sicher habt auch ihr solche Verwandten, Bekannten, usw. die glauben dass ein Quilt, würde man mal über einen Preis sprechen, auch für Discounterpreise zu haben sei, schließlich wird da ja nur Stoff kaputt geschnitten, ach nein, alte Kleidung wieder zusammengenäht, dass kann ja nicht so schwer sein.
Ich versuche heute mal exemplarisch einen Quilt preislich einzuordnen, als Beispiel gilt hier mein - noch nicht fertiger- Pecking Orderquilt (unbeauftragte und unbezahlteWerbung für ein kostenloses Pattern von der Missouri Star Quilt Company). Durch genaue Angaben der Stoffmengen für das Top und die Rückseite ist es etwas einfacher möglichst genau die Preise zu kalkulieren. Schwierig wird es dann beim Kostenfaktor für die Näh- und Quiltzeit. Aber dazu später.
Für das Top braucht es ein Charmpack aus Druckstoffen (Print), sowie vier Charmpacks in Uni und 1,5 Yards (ebenfalls Print) für den Rahmen (Boarder)...
1 Charmpack (Print): 15 Euro
4 Charmpacks Solid: 12,50 Euro/Stk. - 50 Euro
1,5 Yards für Boarder- entspricht 1,37 m runden wir auf und sagen 1,4m: 18 Euro/m - 25,20 Euro
Desweiteren werden je 4,5 yards (4,12m - aufgerundet 4,20m) Rückseitenstoff und Batting benötigt, sowie Garn zum Zusammennähen und Quilten, außerdem Nähmaschinennadeln- der Realitäthalber sagen wir mal drei.
Rückseitenstoff 4,20m 18 Euro/m- 75,60 Euro
Batting 4,20m (ich habe welches gefunden, was 90" breit ist, davon braucht es dann 1,8m) 17,80/m- 32,04 Euro
1 Garn zum Nähen, min. 500m Lauflänge
1 Garn zum Quilten, min. 1000m Lauflänge- je nach Quiltmuster auch mehr, ich gehe beim Garn davon aus, dass man beides aus gleichstarkem Baumwollgarn näht und gestückelt auf zwei Garnrollen, einmal mit 200m Lauflänge und einmal 1300m Lauflänge macht es einen Gesamtkosenanteil von 12,50 Euro
3 Nähmaschinennadeln ( Paketpreis mit fünf Nadeln 4,80 Euro) 2,88 Euro
Beinahe hätte ich bei der Materialaufzählung das Binding vergessen, dafür gilt folgende Rechenaufgabe- die Größe des fertigen Quilts zu wissen 66"x70", also 2x66 +2x70= 133,4 yards (3,4 m), gehen wir nun davon aus, dass unser Stoff dafür eine Stoffbreite von 1,10m hat und wir Streifen in einer Breite von 2,5" schneiden wollen, so brauchen wir 10" (25,4cm). Aufgerundet kaufen wir dann am besten 30cm. ich gehe davon aus, dass wir Unistoff verwenden- 12 Euro/m- 3,60 Euro
Der Materialkostenanteil ist ermittelt und beläuft sich auf: 216,82 Euro
Bis hierher haben wir also nur Material geshoppt und noch kein einziges Mal den Rollschneider geschwungen, das Bügeleisen bewegt oder die Maschine rattern lassen.
Wobei natürlich auch hier die Frage im Raum steht: Rechnen wir auch noch eine Rollschneiderklingen mit, sowie eine minimalen Kostenfaktor für Strom und Maschinenverschleiß? Ich finde schon, es soll eine transparente Aufstellung werden.
Rollschneiderklinge mit 45mm Durchmesser (2er Set im Handel 14,50 Euro) 7,25 Euro
Energiekosten und Verschleiß, schwierig schwierig: 4 Euro
Neuer Kostenzwischenstand: 227,63 Euro
Dann kommen wir zum Punkt des Nähens, Schneiden und Bügeln- die Arbeiten am Quilttop: Ich würde, da der Quilt aus Precuts gearbeitet wird und weniger Schneidearbeit anfällt, dem Ganzen vier Arbeitsstunden anrechnen wollen, bei einem Preis 12 Euro/ Std. sind das 48 Euro
Dann kommt das Zusammensetzen des Quilttops und Quilting- mit einer handelsüblichen Nähmaschine, keiner Longarm und ich würde hier von sieben Stunden ausgehen bei gleichem Stundenpreis: 84 Euro
Jetzt müssen noch die Fäden vernäht werden, das Binding angebracht werden, weitere drei Stunden: 36 Euro
Die Gesamtkosten unseres Quilts belaufen sich auf: 395,63 Euro
Würde man diesen Quilt also verkaufen käme auf beinahe 400 Euro. Jetzt kann man sich ungefähr ausrechnen, was es kosten mag, wenn man die Stoffe vorher alle selber zuschneidet und wenn es dann noch schnelle Dreiecke sind, dann muss auch noch getrimmt werden. Ich bin ziemlich sicher, dass ein solcher Quilt dann durchaus zwei- bis dreihundert Euro mehr kostet. Allein der Verschnitt bzw. das Mehr an Material welches man für schnelle Dreiecke benötigt, mal von den Arbeitsstunden abgesehen, lässt den Preis schnell steigen. Und kauft man speziell für den Quilt eine Anleitung und greift nicht auf eine kostenlose Anleitung zurück... ach man kann das Spiel beliebig fortführen.
Nun, ich glaube es ist klar geworden, warum ich keine Quilts verkaufe oder? Wer will das denn bezahlen??? Außerdem will ich meine Quilts für kein Geld der Welt in fremde Hände geben. Da verschenke ich sie lieber an Menschen, die es mir wert sind und die wertschätzen können, was ich ihnen da anvertraue. Ein Quilt soll geliebt, geschätzt, gelebt und in Ehren gehalten werden und ich freue mich ihn "in Aktion" wieder zu sehen.
Ich hoffe, euch hat die Übersicht gefallen und vielleicht liest hier ja auch der ein oder andere NICHT- Quilter mit und mag mal sagen ob er jetzt gerade hinten über gekippt ist.
Alles Liebe
Judith und die
